Von Menschen und Maschinen

von Udo Thiedeke

Prolog

Das ist eine kleine Maschine. Sie liegt vor mir auf dem Tisch und glänzt metallisch im Licht. Gleichmäßig verrichtet sie ihre Arbeit und wenn ich mit meinem Ohr ganz nah herangehe vernehme ich ein regelmäßiges Ticken. Sie erzeugt dieses wiederkehrende Geräusch völlig unabhängig von meinen Bewegungen.
Auch wenn ich meinen Puls fühle, bemerke ich den regelmäßigen Rhythmus der Schläge. Ich kann mein gleichmäßiges Ein- und Ausatmen, das Ein- und Ausströmen der Luft spüren. Kämen diese Bewegungen zum Stillstand, wäre es das Ende meiner Existenz.

Die andere Seite

Offenkundig haben Menschen das Bedürfnis sich von Maschinen zu unterscheiden. Und die Grenze scheint eindeutig genug: Auf der einen Seite stehen die gezeugten und natürlich gewachsenen Menschen, Biofakte, die in der Lage sind sich und ihre Umwelt kognitiv zu reflektieren. Auf der anderen Seite finden sich die gemachten und künstlich hergestellten Maschinen, die vom Menschen abhängig sind. Sie, die Maschinen können sich nicht selbst erdenken, produzieren und betreiben. Ohne Maschinisten kein maschinelles Funktionieren.
Wen wundert es daher, dass beiden Seiten der Grenze, durch die das Verhältnis von Menschen und Maschinen seine Form erhält, unterschiedliche sinnhafte Qualitäten zugeschrieben werden. Hier das Menschliche, das Humane, der Bereich natürlicher Wachstumsprozesse, des unaufhaltsamen Verfalls und des unabwendbaren Todes. Dort das Maschinelle, das Artifizielle, das erst herbeigeführt und zusammengesetzt werden muß, das, was sich An- und Abschalten, Reparieren und Entsorgen lässt. Da die Beschreibung von einer Seite der Form, aus menschlichem Blickwinkel erfolgt, verwundert es ebenfalls nicht, dass der menschlichen Seite die Attribute der Vertrautheit und Nähe, um nicht zu sagen, die wärmenden Qualitäten des Lebendigen zugeschrieben werden. Der anderen, der maschinellen Seite wird die kalte Funktionalität, Fremdheit und Unkreatürlichkeit zugeordnet.
Es gibt eine klare Grenze, die die Form des Mensch-Maschine-Verhältnisses konstituiert. Deren Aufhebung erscheint geradezu widersinnig, will man weiter unterscheiden. Woher rührt aber das Bedürfnis die Grenze immer wieder mit Beschreibungen abzutasten und gelegentlich, teils euphorisch, teils phobisch, teils mit metaphorischer List zu kreuzen?

Die instrumentelle Beziehung

Bei näherer Betrachtung der Beziehung von Menschen und Maschinen fällt zunächst ihr instrumenteller Charakter auf. Maschinen sind technische Geräte. Es sind konstruierte Instrumente, die zur Lösung klar umrissener Probleme dienen. Maschinen sollen nach Möglichkeit den zur Problemlösung definierten Zweck genau erfüllen und im Rahmen ihrer konstruktiven Vorgaben automatisch, d.h. selbsttätig funktionieren. Die Maschine erscheint demzufolge als Artefakt, das im Medium der Kausalität operiert.
Das Mensch-Maschine-Verhältnis ist hierbei als zweckorientiert und funktional zu beschreiben. Menschen erkennen Probleme, entwerfen Lösungen und treffen organisatorische Entscheidungen, um Problemlösungsprozesse im Medium der Kausalität zu strukturieren. All dies kondensiert im Artefakt der Maschine, die dann funktioniert – d.h. die zur Problemlösung notwendigen Elemente strikt koppelt – und im Fall ihrer Fehlfunktion – wenn diese Kopplung nicht gelingt – überprüft, repariert oder verschrottet wird.
Durch den Einsatz solcher Artefakte erhöhen sich die menschlichen Kapazitäten zur Problemlösung. Nicht nur, dass die Maschinen die naturgegebenen Fähigkeiten der Bewegung oder Kraftentfaltung erweitern, sie exteriorisieren den Körper des Menschen über raum-zeitliche Grenzen hinaus. So erlauben es die Automobile schneller zu laufen, die Flugzeuge ermöglichen das Fliegen und mit Schiffen werden die Ozeane überbrückt usw. Aber Maschinen werden auch als Stellvertreter in lebensfeindliche Regionen, wie die Tiefsee oder den Weltraum geschickt. Sie erweitern den Blick ins Makro- und Mikroskopische, stellen Kommunikationsverbindungen zwischen Nichtanwesenden her und konservieren Lebensäußerungen über das Ende der biologischen Existenz hinaus.
Diese Leistungsfähigkeit der Maschinen treibt ihre Entwicklung voran. Es entstehen immer mehr Maschinen, die ein hohes Maß an funktionaler Spezialisierung aufweisen und eingegrenzte Probleme mit übermenschlicher Perfektion oder Kraftentfaltung lösen. Daneben aber treten Maschinen auf, die multifunktional sind. Dabei handelt es sich um unspezifisch operierende Maschinen, die zur Lösung unterschiedlicher Probleme eingesetzt werden können. Als Beispiel dafür sind der Computer und darauf aufbauende Computernetzwerke anzuführen. Hier sind die maschinellen Konstruktionselemente und Prozesse nicht mehr strikt an ein Problem gekoppelt. Die unspezifische Maschine wirkt als Medium der Problemlösung, das Elemente, Programme und Probleme lose miteinander verknüpft oder nur zeitweilig strikt koppelt.
Sowohl die funktionale Perfektion spezifischer Maschinen, als auch die Variabilität der Problemlösungen durch unspezifische Maschinen und deren erhöhte Eigenkomplexität, irritieren die instrumentelle Beziehung. Die konstruierten Apparaturen und Automaten erbringen für uns Menschen nicht nur Dienste, verzehren sich als Werkzeuge in der Arbeit und gehen so in ihrem materiellen Gebrauchswert auf. Sie scheinen uns in der Perfektion spezifischer Funktionserfüllung überlegen zu sein und diese Überlegenheit zugleich mit der Flexibilität des Menschen zu paaren. Die instrumentelle Erweiterung menschlicher Kapazitäten durch die Maschine entwickelt sich über ein Fähigkeiten ersetzendes Instrument – eine Prothese – zu einem Substitut für die beschränkte biologische Körperlichkeit des Menschen.
Wenn Computer z.B. mehr Informationen speichern und untereinander austauschen können, als die Menschen, wenn sie über eine präzisiere Fehlerkontrolle verfügen, wenn die Inhalte ihrer Speicher noch dazu über große Zeiträume hinweg konserviert werden können, warum sollten dann nicht die Computer oder Computernetze das Kommunizieren und Erinnern übernehmen? Und warum sollten die Menschen zögern, ihre Bewusstseinsinhalte auf Computersysteme zu 'überspielen', um auf diese Weise zumindest die Sterblichkeit ihrer Kognitionen und Erinnerungen zu überwinden?
Folgt man beispielsweise den Argumenten von Ray Kurzweil dann wäre dies erst der Anfang eines folgerichtigen Übergangs der biologischen zu einer technisch/maschinellen Evolution. Diese und ähnliche Überlegung, die etwa die Bewegung der 'Extropianer' propagiert, sind weniger das Ergebnis spielerischer Fiktionen als vielmehr die logische Fortsetzung der instrumentellen Sichtweise, in der Maschinen die biologisch imperfekten Funktionen des Menschen nicht nur unterstützen, sondern durch eigene, selbstoptimierende Funktionen ersetzen. Die Steigerung der instrumentellen Beziehung erreicht durch diese maschinelle Perfektionierung der Evolution ihren Höhepunkt. Zugleich erreicht auch die Vorstellung der Entlastung des Menschen von der Mühsal der physischen Existenz ihren Scheitelpunkt. Die Verlagerung der Entwicklung auf perfekte Evolutionsmaschinen zieht allerdings auch die Entsorgung oder Musealisierung des Menschen, zumindest seiner biologisch physischen Existenz nach sich.
Abgesehen davon, dass diese Sichtweise der Simulation natürlicher Evolution durch eine künstliche, leistungsoptimierte Maschinenevolution, die Bedeutung von Entropie und Fehlern für die Variation und damit die Selektion der Evolution vernachlässigt, scheint hier bereits die Unterscheidung von Menschen und Maschinen aufgehoben. In der Simulation und Perfektion des Menschen in der Maschine kommt die instrumentelle Beziehung an ihr Ende. Der Mensch geht im Werkzeug auf. Er zeugt sich in der Maschine fort, in dem er zur utilitaristischen Konstruktion wird. Durch diese Projektionen maschineller Funktionsoptimierung wird deutlich, dass die Beziehung von Menschen zu Maschinen nicht länger nur als rational und kausal geordnet betrachtet werden kann. Sie ist durch die Irritation, die von der Funktionsfähigkeit der Maschinen ausgeht emotionalisiert, von Hoffnungen und Ängsten bestimmt.

Die imaginative Beziehung

Die Entwicklung der instrumentellen Beziehung zeigt, dass Menschen Maschinen nicht nur aufgrund ihrer apparativen Gegenständlichkeit, sondern auch als Projektionsflächen von Imaginationen wahrnehmen. Maschinen erzeugen und erfüllen mit ihrem Funktionieren Erwartungen. Sie erlauben es symbolische Beziehungen zu ihnen und zu dem, was sie bearbeiten, herzustellen. Maschinen realisieren sich durch Beschreibungen, die gleichwohl Wirklichkeitscharakter für menschliches Handeln haben.
In den Beschreibungen über die Welt und die Geräte entwickeln die Maschinen über die eingeschriebenen Zielvorstellungen hinaus ein artifizielles Eigenleben. Entwurf und Einsatz von Maschinen sind verbunden mit Projektionen der Selbständigkeit der Artefakte. Es hat den Anschein, als ob sich mit den selbstbewegenden Automaten und Apparaten, die etwa den Rhythmus des unablässigen Ein- und Ausatmens nachahmen, die Lebendigkeit des Natürlichen ins Künstliche erweitert habe. Je autonomer das automatische Funktionieren verläuft, je komplexer die Problemstruktur ist, die bearbeitet werden kann und je weniger der Start- und Zielpunkt sowie die kausalen Bedingungen und Folgen der Maschinenoperationen von außen einsehbar sind, desto mehr scheinen die Maschinen selbst von Leben erfüllt zu sein. Endgültig überschritten wird die Grenze zwischen menschlich-belebter Natur und technisch-unbelebtem Artefakt scheinbar dort, wo Maschinen in die Lage versetzt sind sich selbst zu reproduzieren, wie dies den informatischen Maschinen z.B. den Computerviren möglich ist, oder wo sie sich selbst organisieren, wie etwa die Roboter, die aufgrund ihrer Wahrnehmungen und Aktionen lernen.
Diese Imaginationen, die in Beschreibungen von künstlichem Leben (Artificial Life AL) kondensieren und die manchmal offenkundig, manchmal verdeckt die Frage nach dem Natürlichen und dem Künstlichen in der Beziehung von Menschen und Maschinen stellen, sind kein Ergebnis unserer Tage. Bereits im 17. und 18. Jahrhundert erlauben Uhrwerke und eine verbesserte handwerkliche Feinmechanik die Konstruktion komplexer Mechanismen. Diese Automaten, die Eigenbewegungen von Lebewesen nachahmen, geben Anlass nach der Möglichkeit zu fragen, die Schöpfung zu kopieren oder gar fortzuführen.
Voltaire sieht in den Automatenbauern die Nachfahren jenes Prometheus, der einst den Göttern das Feuer stahl und den Menschen ihren eigenen Tod verschleierte. Vielleicht ist der ganze Kosmos eine Maschine, ein Uhrwerk ungeheueren Ausmaßes – so die spekulativen Überlegungen, aus denen sich weitere Fragen ergeben. Lehren die Automate nicht, dass auch der Körper des Menschen nichts anderes ist, als ein funktionierender Mechanismus sinnvoll ineinandergreifender Einzelteile? Und was spricht dagegen, sowohl die Körper der Natur, der Tiere, als auch der Menschen als Körpermaschinen zu verstehen? Ist die Mensch-Maschine vielleicht sogar aus der Komposition ihrer Einzelteile von einem geschickten Automatenbauer herstellbar, wie der Arzt La Mettrie vermutete?
In modernisierter, den technischen Gegebenheiten angepasster Form, sind es die gleichen Vorstellungen, Fragen und Rückschlüsse, die sich bei der Beobachtung komplexer Maschinen bis heute ergeben. Die Imaginationen von einer Mensch-Maschine werden jedoch deutlicher. Entscheidenden Anteil daran haben die schon vorgestellten unspezifischen, nicht-trivialen, transklassischen, kurz: komplexen Maschinen, wie der Computer und die Computernetze. Es hat den Anschein, als ob diese bereits im Zusammenspiel von Hard- und Software biologische Prinzipien, wie das Zusammenwirken von Genotyp und Phänotyp nachahmen.
Computer weisen jedoch über die Simulation biologischer Funktionen und Prinzipien hinaus. So liegt ihr Potential weniger im Kopieren und Perfektionieren neuronaler Kapazitäten – davon sind sie gegenwärtig, bei allen Fortschritten im Detail, technisch noch sehr weit entfernt. Vielmehr versetzt uns Menschen die De- und Re-Konstruktionsmachine Computer, die uns die Welt durch Digitalisierung zerlegen und durch Algorithmisierung fast beliebig rekombinieren lässt, in die Lage diese Welt zu virtualisieren, d.h. zu ver-möglichen. Und gehören der Seitenwechsel und die Verschmelzung von Menschen und Maschinen nicht mit zu diesem Potential? Ist virtuell bereits machbar, was aktuell am Material noch scheitert? Vielleicht mündet hier, in den Vorstellungen und Beschreibungen, die durch Virtualisierung denkbar und somit handlungsleitend werden können, die Frage der Fragen, die Alan M. Turing angesichts der Potentiale der Computertechnik stellt: Sollte eine Maschine nicht in der Lage sein, so zu operieren, dass wir, aufgrund ihrer Operationen, annehmen diese Maschine könne denken? Oder schärfer formuliert: Kann uns eine Maschine dazu bringen, sie als Mensch wahrzunehmen?

Kopplungen

Diese Beobachtungen und Beschreibungen, die in Fragen zum Wissen oder Nichtwissen über unsere Existenz und die Grenze zur Welt gipfeln, sind nur einzelne Knoten im Beziehungsnetz mit dem Menschen und Maschinen verbunden sind. Dieses Netz weist eine beträchtliche Spannweite auf. Gerade erst wachsen die Möglichkeiten zur Kopplung von Menschen und Maschinen, sowohl auf der Ebene der instrumentellen, als auch der imaginativen Beziehungen. So z.B. durch den Entwurf von Nanomaschinen, die durch die Manipulation von Atomen konstruiert werden, mikrobiologische und mikromechanische Strukturen verbinden und als molekulare Maschinen im menschlichen Organismus operieren sollen. Die Fragen nach der Grenze und nach Grenzüberschreitung stellen sich aber auch durch eine Hybridisierung von technischen Medien, wie der computervermittelten und -vernetzten Kommunikationsinfrastruktur und sozialen Medien wie Liebe, Eigentum, Geld im virtuellen Raum des Cyberspace.
Vieles deutet darauf hin, dass die Kopplung von Menschen und Maschinen voran schreitet. Dies geschieht weit weniger auf der Grundlage prothetischer Kopien natürlicher Prozesse und Funktionen durch Maschinen, als vielmehr durch eine symbiotische Verschränkung von Artefakten und Biofakten. Schon heute ist menschliches Kommunizieren und Handeln im sozialen System der globalen Gesellschaft nur noch sozio-technisch realisierbar. Kontakte und Beziehungen stützen sich auf Maschinen, seien es Transportmaschinen oder Kommunikationsmedien. Das Ausgreifen sozialer Beziehungen über die Grenzen von Zeit und Raum kann nur technisch verwirklicht werden. Die Weltgesellschaft scheint auf diese Weise den Charakter eines umfassenden Mechanismus anzunehmen, der 'den Menschen' absorbiert.
Aber die Kopplung bleibt nicht auf diese apparative Symbiose beschränkt. Die Selbst- und Fremdbeschreibungen der Menschen als Identitäten und Personen lösen sich von ihrer Materialität. Die Computerkommunikation transformiert die soziale Form des Menschen zu einer digitalisierten Beschreibung im Strom der Kommunikation. Dieses neue Soziofakt ist zugleich Ergebnis menschlicher Gestaltung und maschineller Synthese. Und es ist in dieser Form nicht nur eine Wunschfigur, in der Art einer literarischen und filmischen Fiktion, sondern ein Handlungscharakter, eine virtualisierte Persona, die mit anderen Personae interagiert.
Bei den Begegnungen im virtuellen Raum des Internets wird der biologische Körper, der bei physischen Kontakten der sozialen Rückversicherung dienen kann, um zu klären mit 'wem' man es zu tun hat (z.B. mit keiner Maschine), gegen den virtuellen Körper des Avatars getauscht. Dies ist die grafische Projektion einer Person, in der sich die Gestaltungsmöglichkeiten der menschlichen 'Puppenspieler' und der Virtualitätsmaschine der Computernetze kreuzen. Die Körpergrenze des Menschen erfährt somit eine Extension. Sie wird über den engen Bereich irreversibler Beschränkungen in die Reversibilität einer fluiden Existenz hinausgedehnt. Als virtuelle Existenz ist es möglich bei Verletzung oder Zerstörung wieder zum Ausgangspunkt der Interaktion zurückzuspringen, sich zu regenerieren sowie bei Bedarf neu zu konstruieren. Aber auch die Maschine verliert im virtuellen Raum ihre mechanisch/technische Materialität und wird zum virtualisierten Soziofakt. Die Maschine verschwindet wie der Mensch im Avatar. Der 'Bot' wird zum kommunikativen Gegenüber, das soziale Handlungen initiiert und strukturiert. Und manchmal gelingt es der Maschine sogar den Turing-Test zu bestehen.
Schließlich deutet sich an, dass die menschmaschinliche Vermöglichung der Welt auch die Grundlagen der materiellen Existenz erfasst. So wurde im Rahmen der Bioinformatik die Entschlüsselung des menschlichen Genoms und Proteoms eingeleitet. Gemeinsam mit den Maschinen haben Menschen begonnen die Grundlagen ihrer Existenz in Information aufzulösen und zu edieren. Auch hier scheint sich der Übergang zu einer hybriden Existenz abzuzeichnen, die in Verschränkung 'natürlicher' und 'künstlicher' Funktionen, die Fähigkeit erlangt ihr eigenes 'Betriebssystem' erweiternd fortzuschreiben.
Dies sind zweifellos Projektionen in eine ungewisse Zukunft. Es deutet sich aber an, dass die Koevolution von Menschen und Maschinen auf eine Auflösung ihrer materiellen Grenze in Information zuläuft. Für eine Unterscheidung von Operationen sind dann, anstatt der Materialität des Substrats die Möglichkeiten seiner Codierung und Beschreibung ausschlaggebend. Diese Entwicklung erfasst, sowohl Menschen, als auch Maschinen. Das heißt, das was im sozio-technischen Zusammenhang gesellschaftlicher Realität als Mensch beschrieben werden kann, ist strikter an technische Bedingungen gekoppelt, wird dadurch aber reversibler. Das, was als Maschine beschrieben wird, ist weniger strikt an seine konstruktiven Elemente gekoppelt und operiert mit schwer vorhersagbarer und irreversibler Selbstbezüglichkeit. So können Überschneidungsbereiche zwischen beiden Operationsformen entstehen, die sich nicht mehr in Oppositionen zueinander oder dadurch erfassen lassen, dass man die Seiten wechselt und behauptet Maschinen seien fortan die besseren Menschen. Vielmehr sind diese Überschneidungen als neue Formen des Menschmaschinlichen zu beschrieben. Dies wird auch eine Umstellung der Beobachtung der Mensch Maschine Beziehung von 'Was-Fragen' (was ist der Mensch, was ist die Maschine) auf 'Wie-Fragen' (wie wird im Medium der Kausalität oder der Selbstreferenz operiert) zur Folge haben.

Die Kunst der Wahrnehmungen

Wenn es eine informationelle Verschränkung von Menschen und Maschinen gibt und sich die MenschMaschine vor allem als Soziofakt erfassen lässt, dann sind die Beobachtungspositionen entscheidend dafür, welche Kopplungen oder Irritationen wahrgenommen werden können, welches Verhältnis von Menschen und Maschinen sichtbar wird.
Dieses Verhältnis entwickelt sich bereits aufgrund seiner Historie sowohl instrumentellen als auch imaginativ. Das Entstehen von Kopplungen und Überscheidungsbereichen erscheint darüber hinaus noch diffus, d.h. zugleich phantastisch und realistisch. Daher macht es Sinn die Beschreibung des Verhältnisses von Menschen und Maschinen, vor allem den Übergangsbereich aus der Perspektive der Kunst zu beobachten.
Anders als etwa die Wissenschaft, die den Gegenstand im Medium der Wahrheit erfasst, d.h. nicht nur angibt, was faktisch ist, sondern auch, auf welche Weise dies der Fall ist, unter welchen Bedingungen und mit welcher Methodik es festgestellt wird, operiert Kunst im Medium der Ästhetik. Ihre Beobachtungen sind nicht an exakten Aussagen über die beobachteten Kausalitäten, sondern an Wahrnehmungen orientiert.
Dabei geht es darum die Formwahl selbst – das Kunsthafte – zum Anlass für Kommunikation zu machen. Somit thematisiert die Kunst im Kunstwerk, anhand der künstlerischen Form, die Wahrnehmung selbst. Auf diese Weise etabliert sich mit dem Kunstwerk eine eigene, imaginäre Wirklichkeit. Das künstlerische Werk ist ein Artefakte der Imagination, das gesellschaftliche Wirklichkeit verändert, da es etwas anderes als die aktuelle Realität zeigt. Kunst öffnet den Sinnhorizont in Hinblick auf einen anderen, virtuellen Weltzugang. Im Medium der Ästhetik wird das wahrnehmbar, was bislang im Stadium des nur Möglichen verharrte.
Künstlerische Zugänge erlauben es nach den Wahrnehmungen von Menschen und Maschinen, oder der Wahrnehmung dieser Beziehung zu fragen. Sie werden dabei nicht exakt nachgebildet, es wird vielmehr ein Abbild ihrer Möglichkeiten extrahiert und projiziert. Diese Form der künstlerischen Arbeit ist die ausschnittshafte Festlegung einer erdachten Ordnung. Sie provoziert anhand vorgestellter Wirklichkeit Wahrnehmungen über Wahrnehmungen, die zugleich im Kunstwerk festgelegt und vor dem Horizont anderer Darstellungsmöglichkeiten wiederum für neue Wahrnehmungen geöffnet werden. Kunst spielt mit den Wahrnehmungen, in dem sie imaginäre Ordnungen konstruiert und verwirft. Die verdeutlichten Orientierungsperspektiven sind virtuell, aber dennoch wirksam und sei es als Irritationen der Selbstbestimmung von Menschen und Maschinen.

Epilog

Vor mir liegt immer noch die kleine Maschine, die tickend ihre Arbeit tut. Mit großer Präzision zerteilt sie die Zeit in regelmäßige Teile – viel genauer, als ich es jemals könnte. Ich würde wohl wahnsinnig, müsste ich Tag ein Tag aus bis an mein Lebensende die Sekunden zählen. – Jetzt, gerade in diesem Augenblick ist ihr Ticken verstummt. Sie ist stehen geblieben.